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Warum der Umstieg von Anisöl zu Naturkautschuk schwieriger war/ ist, wie erwartet


Wenn du deinen Hund auf einen Geruchsstoff konditioniert hast und er den Umgang damit kennengelernt hat, kannst du weitere Gerüche hinzunehmen. Die Konditionierung auf diese Düfte funktioniert viel schneller, als beim ersten Geruch. Wir benötigen dazu in der Regel ein bis zwei Trainingseinheiten. In unseren Gruppen haben wir schon mehrere ätherischen Öle, wie Anis, Zeder, Basilikum und Lavendel, oder auch natürliche Produkte wie Kräuter und Pilze verwendet. Der Umstieg von dem einen zum anderen Geruch verlief immer problemlos. Als wir im letzten Jahr zu Naturkautschuk wechselten, schien es auch hier keine Schwierigkeiten zu geben. Dass dies aber ein Trugschluss war, mussten wir in der Winterpause erfahren.

Unser Winterprogramm

Von Mitte Dezember, bis Ende Februar legen wir für unsere Mitglieder wöchentlich Aufgaben in der Umgebung an, die jeder eigenständig zu einem Zeitpunkt seiner Wahl erarbeiten kann. So muss niemand im Kalten, Dunkeln – bei Wind und Regen draußen herumstehen, sondern kann sich die besten Bedingungen aussuchen. Auf diese Idee hat uns Corona gebracht – Irgendetwas Gutes musste das Ganze ja auch haben. Dieses Konzept hat uns gut durch diese schwere Zeit und auch durch den letzten Winter 2021/2022 gebracht. In diesem Winter tauchten jedoch Schwierigkeiten auf. Die Teilnehmer meldeten immer eine sehr geringe Anzahl an gefundenen Verstecken und immer lustloser werdende Hunde. Dass mal eine Suche nicht gut gelingt, das kann vorkommen, aber mehrere Suchen hintereinander, bei der fast alle Teilnehmer wenig finden war ungewöhnlich. Wir begaben uns auf Fehleranalyse. Was war passiert?

Fehleranalyse

Wir machten einige Tests – legten die Verstecke einfacher an – verwendeten größere Stücke Naturkautschuk –  und wählten einfachere Suchumgebungen. In kleineren geschützten Bereichen waren die Ergebnisse zwar besser, aber dennoch nicht zufriedenstellend. Große-offene Flächen und Hanglagen schienen fast unlösbar. Wir ergänzten schließlich ein ätherisches Anisöl, um zu schauen, ob die Suche damit wieder besser gelingt. Jedes Versteck enthielt nun ein Stück Naturkautschuk und einen kleinen Behälter mit Anis. Verwundert mussten wir feststellen, dass auch damit die Ergebnisse nicht besser wurden. In solchen Situationen fängt man an, das ganze Training und auch sich selber als Trainer infrage zu stellen: Liegt es an der Umgebung? Am Geruch? Haben wir im Training etwas falsch gemacht? Haben die Hunde überhaupt verstanden, was sie tun sollen? Ein Onlinekurs, an dem ich im März dieses Jahres selber aktiv teilnahm, bestätigte mir, was ich eh schon vermutete: an der Misere war ein Umstand schuld, der gleich mehrere Probleme zur Folge hatte.

Unterschätzte Geruchsverteilung

Der Kurs war klasse. Er beschäftigte sich mit den Auswirkungen von Luftbewegungen auf den Geruch – enthielt darüber hinaus aber ein Füllhorn an Informationen, die weit über das Thema hinausgingen. Schon in der ersten Lerneinheit hatte ich einen großen AHA-Moment. Es ging um die generelle Ausdehnung von Gerüchen. Ich wusste natürlich, dass sich ätherische Düfte bereits in schwachen Konzentrationen weit verteilen, aber, dass sie schon bei schwachem Wind über 50 Meter weit riechbar sind, das hatte ich nicht geahnt. 

50 Meter – Diagonal über ein Baseballfeld oder über mehr als zwei Tennisballfelder. Das klingt erst einmal recht weit. Ich weiß nicht wie es dir geht, aber ich kann Entfernungen schlecht abschätzen. Also ab in den Park und schauen, mit welchem Abstand wir es zu tun haben. Die Schrittlänge eines erwachsenen Menschen beträgt ca. 65cm → bei 50 Meter hätten wir somit 70 Schritte. Das klingt nicht nur weit. Das ist auch weit. Ich lief und zählte dabei mehrere Strecken, darunter auch eine, die wir im letzten Jahr tatsächlich so angelegt hatten, ab. Dabei wurde mir bewusst, dass wir die einzelnen Verstecke unbewusst überwiegend in einem Abstand von 50 bis 90 Schritten angelegt hatten. Natürlich gab es auch einige Verstecke, die enger beieinander lagen und auch einige mit einer sehr hohen Distanz. Aber die meisten lagen im 70 Schritte Raster. Wie bereits erwähnt haben wir in der Coronazeit viele Aufgaben angelegt, die unsere Teilnehmer alleine erarbeiten konnten. Damit sie dabei auf jeden Fall fündig werden und Freude an der Suche haben, legten wir viele Verstecke und diese auch noch mit einer höheren Konzentration von Anisöl an. Schon beim Ablaufen war mir klar, was passiert war, aber ich musste es zu Hause noch einmal bildlich darstellen.

Darstellung des Geruchs

Ich wählte zur Veranschaulichung einen Google- Maps Ausschnitt des Weges, legte meine Verstecke hinein und ergänzte dies mit Darstellungen von Rauch, bei einer angenommenen Windrichtung von NO.

Das Bild ist sehr schematisch – zeigt aber gut, was schon in meiner Vorstellung klar war. Der ganze Weg ist voller Rauch – also voller Geruch. Besonders dann, wenn wir das Versteck über mehrere Tage hinweg liegen lasse, und damit auch andere Windrichtungen ins Spiel kommen. Dabei wird nicht überall ein intensiver Geruch auf dem Weg herum wabern, aber er ist konstant vorhanden.

Was bedeutet viel Geruch in der Suche für den Hund

Setze ich nun einen Hund am Streckenanfang an, ist diesem sofort klar: Hier gibt es „Anis” zu finden! Mehr Informationen gibt der schwache Geruch jedoch nicht an. Er ist so weitflächig vorhanden, dass der Hund die ganze Zeit durch eine Wolke läuft. Eine konkrete Lokalisierung der Quelle ist so nicht möglich. Er beginnt, schwache Gerüche zu ignorieren. Stattdessen sucht er nach stärkeren Konzentrationen. Beim Entlanglaufen der Anis- Strecke musste er da nicht lange suchen. Je nach Windrichtung waberte eine intensive Wolke nach der anderen von den Verstecken auf den Weg. So intensiv wie ein beleuchtetes Reklameschild gab sie so die Richtung zur Quelle an. Der Hund musste ihr nur noch folgen, um die Lage des Verstecks zu lokalisieren. Welches bereits im Neonlicht auf ihn wartete. 

Die Folgen

Unser guter Wille, unseren Teilnehmern möglichst viele Fundstellen zu ermöglichen, führte also zu einer verminderten Sensibilität für den Geruch. Nun kam der Wechsel zum Naturkautschuk. Sind ätherische Öle leicht flüchtig und verteilen sich dadurch weit in die Fläche hinein, ist Naturkautschuk ein schwerer Geruch. Wir starteten mit diesem Duft bei extrem warmen Wetterbedingungen. Warme Luft bewegt sich schnell. Warmes Gummi gibt viel Geruch ab. Somit hatten wir auch hier eine starke Geruchsverteilung und die Hunde wurden gut fündig. Ganz anders verhält es sich jedoch im Winter. Kalte Luft ist träge und das kalte Gummi gibt zudem kaum Geruch ab. Die angelegten Verstecke versprühten ihren Duft nicht mehr auf den ganzen Weg. Er fließt nur in geringeren Konzentrationen um die Geruchsquelle herum. 

Der Hund fand daher am Start noch keine Geruchsinformation vor. Viele erwarteten somit gar keine Sucharbeit und gingen lieber spazieren. Diejenigen, die suchten, fanden nur vereinzelte geringe Konzentrationen. Doch die – das hatten sie ja gelernt – sind zu ignorieren. Längeres, intensives Suchen waren sie nicht mehr gewohnt. Schließlich kam der Duft doch sonst immer vorbeigeflogen. Wurden sie nach kurzer Zeit nicht fündig, waren sie frustriert und brachen die Suche ab. Wenn sie dann doch mal über eine stärkere Konzentration stolperten, versuchten sie die Geruchsquelle zu finden. Diese lag nun aber nicht mehr in schillernden Leuchtfarben, sondern im matten Pastellfarben da. Viele Teilnehmer berichteten, dass die Hunde im Bereich eines Verstecks suchten und suchten, aber die Quelle nicht lokalisieren konnten und schließlich abbrachen. Als wir am Ende den Anisgeruch hinzunahmen, erfolgte dies in einer Zeit mit klirrender Kälte in Bereichen mit Hanglage oder großen offenen Flächen. Unter den Wetterbedingungen verteilte sich auch der Anisduft nicht mehr so stark. Gepaart mit dem schwierigen Gelände und einem eh schon demotivierten Hund konnte auch das ätherische Öl die Situation nicht mehr retten. Dass unter besseren Bedingungen eine Anissuche noch funktioniert, hat die aktuelle Ostersuche mit ihren guten Ergebnissen gezeigt.

Fazit

Abschließend können wir sagen, dass die Konditionierung auf einen anderen Geruch kein Problem darstellt – der Umgang mit dem Geruch aber unter Umständen erlernt werden muss. Für uns ist jetzt klar, dass viel nicht unbedingt besser ist, und dass wir unseren Hunden wieder beibringen müssen, sich auch für schwächere Gerüche zu interessieren. Zudem brauchen wir wieder mehr Durchhaltevermögen, Konzentrationsfähigkeit und Frustrationstoleranz. Wir haben ein volles Trainingsprogramm für die nächsten Monate ausgearbeitet, in dem wir mehrere Themenschwerpunkte durchgehen werden. Zu jedem Thema wird es ein kleines Themenheft oder einen Minikurs mit Hintergrundinformationen und Übungsideen geben. Los geht es mit dem Thema Motivation. Das Heft könnt ihr hier finden:

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